WO DAS GOLD IM RHEINE LIEGT
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Wo das Gold im Rheine liegt

Wenn der Fährimaa Gold verteilt...

 

Das NOMAD-Projekt „Wo das Gold im Rheine liegt“ von Nina Heinzel, Ueli-Fähre in Basel, 7. bis 9. November 2008

 

In Basel liegt Kunst nicht nur in der Luft. In Basel ist Kunst im Fluss. Und auf dem Fluss. Das hat Tradition: 1854 gelangte der Präsident der Basler Künstlergesellschaft mit einem Schreiben an die Regierung des Kantons Basel-Stadt, man möge auf der Höhe des damaligen Harzgrabens beim heutigem Bürgerlichen Waisenhaus eine Rheinfähre bewilligen. Mit dem Reinerlös solle an einem geeigneten Ort ein Haus für Versammlungen und Ausstellungen errichtet werden. Die Regierung erteilte der Basler Künstlergesellschaft die Konzession. Die Fähre rentierte. 1872 konnte aus dem Ertrag die Kunsthalle am Steinenberg eingeweiht werden.1 Die nördlichste Fähre fuhr 1895 bis 1934 unter dem Namen „Dreirosenfähre“, die 1989 als Johanniterfähre oder „Uelifähre“ wieder in Betrieb genommen wurde.

Die Figur des Ueli, nach dem die Fähre benannt ist, hat neben ihrem clownesken Charakter etwas mit Nächstenliebe und Verteilung zu tun: Die drei Ehrengesellschaften Kleinbasels beschäftigen einige Uelis, die zu bestimmten Anlässen Geldsammlungen für wohltätige Zwecke der Stadt Basel durchführen. Das gesammelte Geld kommt bedürftigen oder in Not geratenen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Form von Schuhen, Kleidung, Heizmaterial und anderen Naturalien zugute. Auch Nina Heinzel verteilt während ihrer Aktion auf dem Fährschiff „Ueli“ Werte: Gold. Das führt zu einer weiteren Fährte, die die fährtenreiche Künstlerin legt in ihrem Werk meist zwischen Realität und Fiktion spielend und vielschichtige Bezüge herstellend.2 Just im Jahr, als das Gesuch um eine Fährbewilligung eingereicht wurde, komponierte Richard

Wagner die Oper „Rheingold“, Auftakt der Tetralogie „Ring des Nibelungen“. Darin geht es um Macht und Liebe: Wer der Liebe abschwört, hat die Kraft aus dem Rheingold einen Reif zu schmieden und verfügt über eine Macht, die selbst die Götter bedroht.3 Nina Heinzel kehrt das Rheingold um. Sie reisst es nicht an sich wie Zweg Alberich, sondern gibt es dem Fluss zurück. Wenn Macht auf Allmacht und Unsterblichkeit zielt, wie das Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“ dargelegt hat, fordert die Künstlerin die Kraft des Loslassens im Wissen um die Vergänglichkeit der Dinge, auch der materiellen, wie sich das in den letzten Wochen akut gezeigt hat. Die aus Kiel stammende, in Bern lebende Künstlerin inszeniert das alles in einer kleinen Aktion, nicht in der grossen Geste, die den Wagnerschen Opern eigen ist: Wer die Fähre benutzt, wird vom Fährimann aufgefordert, aus einer goldenen Schüssel ein Goldstück zu nehmen und es ins Wasser zu werfen. Dazu wird kurz die Geschichte von den drei wunderschönen Naturwesen im Rhein erzählt, von Flosshilde, Wellgunde und Woglinde, die das Rheingold behüten. Und aus der Tatsache, dass der Rhein kaum mehr Gold führt, schliesst die Künstlerin, zu oft sei dort schon der Liebe entsagt worden. Sie formuliert so eine gewissermassen poetische Wirtschaftstheorie, besonders dann, wenn man weiss: Am 1. November 1986 brach im Basler Industriegebiet Schweizerhalle ein Grossbrand aus. Das vor allem mit Pestiziden verseuchte Löschwasser gelangte in den Rhein und vernichtete die Aalpopulation auf einer Länge von 400 Kilometern.

Der kürzlich bei Basel gefangene Lachs ist vielleicht ein Zeichen, dass die Liebe wieder am Wachsen ist. Nina Heinzels Aktion „Wo das Gold im Rheine liegt“ trägt vielleicht ebenfalls dazu bei, mitsamt der Musik, die zum Projekt gehört.4 Vielleicht ist es ja auch nur ein Quentchen. Es sei denn, man versage sich der schönen Fiktion total, poche auf die Realität und sage: „Verzell Du dass im Fährimaa"...

 

Konrad Tobler

 

1 www.wikipedia.de

2 So traf sich Nina Heinzel typischerweise auch mit Paul Auster fiktiv, weil es in ihrer Diplomarbeit „Diplom Freie Kunst“ darum geht, dass sie an einer (fiktiven) Diplomarbeit schreibt.

3 „Nur wer der Minne Macht entsagt, nur wer der Liebe Lust verjagt, nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold“, heisst es in Wagners Libretto 4 „Perhaps Love“ von John Denver und Placido Domingo, „La Mer“ von Charles Trenet, „O mio babbino caro“ von Maria Callas, „O sole mio“ gesungen von Carreras, Pavarotti und Domingo