STENDHALISSIMO

eine filmische Dokufiktion über das Stendhal-Syndrom

Stendhalissimo

Inhalt

 

Zwei junge Künstlerinnen (nämlich wir selbst: Sabine Harfmann-Logan und Nina Heinzel) stellen Überlegungen über den idealen Kunstbetrachter an. Bei ihren Recherchen stoßen sie auf das sogenannte Stendhal-Sydrom. Dieses Krankheitsbild und Phänomen besagt, daß in Florenz Touristen bei der Begegnung mit großer Kunst aus Ehrfurcht in Ohnmacht fallen. Aus Freude über so viel Ehrfurcht vor Kunst beschließen die beiden mehr darüber herauszufinden.

 

Zuerst suchen sie einen Psychoanalytiker und Kunsttheoretiker in Berlin auf, Wolfgang Winkler, der ihnen theoretisch über das Stendhal-Syndrom zu berichten weiß.

 

Das Wort „Stendhal-Syndrom” gibt es erst seit fünfzehn Jahren. Entdeckt – oder geschaffen - hat den Begriff die Florentiner Psychoanalytikerin der Freudschen Schule Graziella Magherini. Als Leiterin der Psychiatrie im Krankenhaus Santa Maria Nuova in Florenz beobachtete sie Wahn- und Verwirrungszustände bei Touristen in Florenz, und schloss aus deren Beobachtung es handle sich um Überwältigung durch grosse

Kunst. Sie gab diesen psychischen Erkrankungen den Namen „Stendhal-Syndrom”. Der Begriff fand inzwischen, teilt die Autorin geschmeichelt mit, Aufnahme in das Standardwörterbuch der italienischen Sprache von Devoto Oli. Warum Stendhal?

Marie-Henri Beyle, der Winckelmann verehrte und dessen Geburtsort Stendhal zu seinem Nom de plume machte, veröffentlichte 1817 die Reisebeschreibungen Rome, Naples et Florence. Man erfährt daraus nicht immer viel über die besuchten Orte, mehr über die innere Befindlichkeit des Autors. Er notiert die grossartige Erwartung, das Herzklopfen bei der Annäherung an Florenz, berichtet vom Paroxysmus in der Niccolini-Kapelle der Kirche Santa Croce:

„Dort, auf einem Betschemel sitzend, den Kopf rückwärts auf das Pult gelegt, um die Decke betrachten zu können, empfing ich von den Sibyllen des Volterrano vielleicht die lebhafteste Lust, die mir Malerei je bereitet hat. Ich befand mich in einer Art Ekstase [...]Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.”

An 295 Touristen, davon 106 stationär behandelten, diagnostizierte Graziella Magherini (1) ein „Stendhal-Syndrom“. Die in den Fallstudien beschriebenen Wahnsymptome sind Denkstörungen, affektive Störungen, panische Krisen mit somatisierter Angst, Aggressionen bis zum Vandalismus oder Teilnahmslosigkeit.

Für das Stendhal-Syndrom sind besonders anfällig alleinreisende, unverheiratete Touristen zwischen 20 und 40 Jahren. Nur Ausländer werden betroffen - Italiener fallen dem Syndrom nicht zum Opfer, denn sie kennen die überwältigende Kunst von Geburt an. Auch intellektuelle Distanz schützt laut Magherini vor der Gewalt der Kunst. Weder seelische Dickhäuter, die unberührt Dutzende von Kunstwerken am Tage absolvieren, noch auch gut vorbereitete Kulturspezialisten riskieren den  Stendhalschen Schwindel. Die Opfer der Krisen sind vielmehr sensible Menschen mit geringer Vorbildung. Sie nehmen die Kunsteindrücke intensiv auf, können sie aber nicht verarbeiten. So kommt es zu einer Art inneren Überdrucks. Das Selbstbild platzt, die Fähigkeit, sich zu orientieren schwindet. Die Folgen sind Angstanfälle und Panikzustände, zuweilen aber auch ungeahnte Euphorien. Schweißausbrüche, Verwirrungszustände, euphorische Delirien, ja sogar veränderte Ton- und Farbwahrnehmungen bis hin zu Halluzinationen hervor.

Das Stendhal-Syndrom tritt nur für kurze Zeit auf. In der florentinischen Klinik behandelt man es konventionell mit Beruhigungsmitteln. Die Opfer erholen sich schnell. Sie haben dann nur einen Wunsch: weg aus Florenz....

 

Zwar höchsterfreut aber noch nicht befriedigt von der Theorie reisen die beiden nach Florenz, um sich dort direkt von der Wahrhaftigkeit des Stendhal-Syndroms zu überzeugen.

Mit versteckten Kameras stellen sie sich vor Kunstwerken auf und warten darauf, daß jemand in Ohnmacht fallen möge. Dieses Warten nimmt einige Zeit in Anspruch. Einige Male vermuten sie einen Ohnmachtsanfall beobachten zu können, doch vergeblich, erste Anzeichen erweisen sich als einfache Ermüdungserscheinungen, die mit Ergriffenheit von Kunst nichts zu tun haben. Geradezu desillusionierend müssen sie feststellen, daß die Mehrzahl der Touristen von der stendhalschen Euphorie weit entfernt eher gelangweilt an großer Kunst vorbüberschlendert. Schließlich wird die Wartezeit im Film durch Zeitraffer verkürzt, bis sie einen Betrachter in einen euphorischen Verwirrungszustand geraten sehen, das erste echte Stendhal-Syndrom. Insgesamt fünf Opfer von Gemälden, Architektur und Statuen werden sie beobachten können, die nun hintereinanderweg gezeigt werden, getrennt durch sehr kurze, sehr starke Zeitrafferwartezeiten.


 

  1. Graziella Magherini, „Il Syndrome di Stendhal”, in diesem Buch werden Fallstudien von Patienten mit dem Stendhal-Syndrom beschrieben, die die Grundlage für den Text der ohnmächtig werdenden Schauspieler sind